Vacation 02/1985 - Indien
Flug entlang dem Himalaya Gebirge - Bahnhof in Dehli

Bevor ich über meinen ein-wöchigen Urlaub in Indien berichte muss ich erst etwas weiter ausholen. Im Oktober 1984 habe ich im Saudi-Kuwaiti Zementwerk SKC in Saudi Arabien eine 1 1/2 jährige Tätigkeit als Technical Assistant im physikalischen Labor-Bereich im Auftrag der Krupp Polysius AG aus Neubeckum übernommen. Meine Mitarbeiter und Vorgesetzte kamen aus den unterschiedlichsten Ländern, zumeist aber aus Indien. Neber unser Labortätigkeit war meistens recht viel Zeit um uns über die unterschiedlichsten Länder mit ihren Kulturen und Religionen zu unterhalten. Die vielen Gespräche haben mich total neugierig gemacht. Meinen ersten drei-wöchigen Heimaturlaub habe ich dann genutzt, um auf dem Rückflug von Deutschland nach Saudi Arabien einfach den Umweg über Indien zu machen. Mein nächster Vorgesetzter, Dr. Asfar Sulaimann, hatte zur selben Zeit Urlaub wie ich, so hatten wir vereinbart, dass ich ihn in Aligar, nicht weit entfernt von Agra, dem Ort wo der weltberühmte Taj Mahal steht, für ein paar Tage besuche.

6 Monate in Saudi Arabien hatten mich fit gemacht für so ein Abenteuer (glaubte ich...). Immerhin war ich mit über 5000 DM "Taschengeld" fürs nächste halbe Jahr unterwegs. Schon der Flug nach Delhi war recht aufregend - streiften wir doch glatt das Himalaya-Gebirge. WOW - echt beeindruckend diese 8-Tausender!!! In Delhi angekommen bin ich mit nem Taxi zum Bahnhof gefahren, um mit dem Zug weiter nach Aligar zu fahren. Kaum war ich aus dem Taxi ausgestiegen war mein Koffer auch schon weg. Einige Kofferträger kamen angeeilt und hatten sich um ihn gerissen und ohne groß zu fragen hatte ihn einer von ihnen geschnappt und balancierte meinen Koffer nun auf dem Kopf um ihn mir zum Bahnsteig zu tragen. Vor den Bahngleisen war dann ein kleines Häuschen wo es anscheinend die Fahrkarten zu kaufen gab. Ich hab bestimmt ne halbe Stunde gebraucht um an die Reihe zu kommen. Selbst als ich ganz vorne stand kamen immer wieder Arme mit Rupie-Scheinen von allen Seiten an mir vorbei, ein paar Worte auf Hindi und die betreffenden Leute hatten ihre Fahrkarte. Ich verstand nur Bahnhof (bin ja auch auf Einem...hahaha). Nirgendwo war auch nur ein Hinweisschild in Englischer Sprache zu sehen, überall nur Hindi Schriftzeichen. Zudem hatte ich Angst das sich mein Kofferträger mit meinen Habseligkeiten aus dem Staub machen könnte. Irgendwann bin ich auf jeden Fall an meine Fahrkarte gekommen, hab sogar den richtigen Zug erwischt. Als mir dann noch ein Mönch gegenüber saß und wir uns ganz interessant unterhalten haben konnte ich wieder entspannter durchatmen.

Fremd anmutende Bilder in Aligar

Nach weiteren drei Stunden Zugfahrt, ich war jetzt mitlerweile zwanzig Stunden unterwegs, müde, durchgeschwitzt, hungrig und durstig, ging das Abenteuer erst richtig los. Am kleinen Bahnhof standen nur einige Rickscha-Fahrer, Taxies gab es hier gar nicht. Ich zeigte einem der Fahrer meinen Zettel mit der Anschrift von Familie Sulaimann und los ging's. Was für eine fremde Welt tat sich mir da auf. Ich hatte den Eindruck als wäre ich mit einer Zeitmaschine um ein Jahrhundert zurückkatapultiert worden. An einer Wasserstelle wuschen Frauen Geschirr und Wäsche und holten Wasser in Kanistern, eine bildhübsche, junge Frau im Sari sammelte getrocknete Kuhfladen auf, an den Straßenrändern liefen Fäkalien durch offene Rinnen, als wir mit der Rikscha aber auf einen Marktplatz zufuhren traute ich mich kaum noch zu atmen. Millionen von Fliegen waren hier unterwegs. Es war kaum zu erkennen was die Händler dort preisboten, alles war voll mit Fliegen. Wir hatten zudem ein Problem: die Sulaimanns waren umgezogen, die ehemaligen Nachbarn wussten nicht wirklich wohin. Der arme Rikscha-Fahrer, ein älterer Herr, tat mir richtig Leid. Er fragte immer wieder, der Eine schickte uns hierhin, der Andere dorthin. Ich war der Verzweiflung nahe, wollte in irgend einem Hotel absteigen, aber sowas gab's hier auch nicht.

Zum Glück haben wir irgendwann die neue Bleibe der Sulaimanns gefunden. Der nächste Schreck lies aber nicht lange auf mich warten. Asfar Sulaimann musste seinen Urlaub vorzeitig abbrechen, es gab wohl im Zementwerk in Saudi Arabien irgendwelche Probleme. Da stand ich nun in der Fremde. Frau Sulaimann und ihre beiden kleinen Kinder hießen mich aber Willkommen und richteten mir ein kleines Zimmer mit Bett her. Ich brauchte erst mal ne Dusche, war völlig fertig. Dazu musste ich wieder nach unten, durch einige Flure bis ich in einen kargen Raum kam wo eine Brause von der Decke baumelte. Und, das Wasser war kalt!!! Wer mich kennt weiß, das kaltes Wasser zu den schlimmsten Dingen in meinem Leben zählt. Was war das für ne Qual, ich hab glaub ich das meiste Shampo in meinen Haaren und am Körper gelassen und mich einfach so abgetrocknet. Später am Abend kamen noch 2-3 Cousins von Asfar Sulaimann vorbei und boten mir an, mir am nächsten Tag das Dorf zu zeigen.

Reges Treiben auf den Strassen Agras

Allzu viel Interessantes konnten mir die Cousins von Asfar Sulaimann in Aligar nicht zeigen. Es gab eine Uni an denen die 3 studierten, der Ort war sonst eher beschaulich, gab aber immer wieder ganz fremde Eindrücke und Bilder. Ich hatte zwar in den vielen Gesprächen im Zementwerk in Saudi Arabien viele Informationen über das Land Indien mit ihren unterschiedlichsten Kultur-und Religionskreisen gesammelt, jetzt lernte ich ständig dazu. So wunderte es mich z.B., dass an zahlreisen LKW und Bussen ein Hakenkreuz angebracht war. Nun weiß ich, dass es sich hierbei um ein Swastika handelt. Dieses Symbol ist tausende Jahre alt und dient hier in Indien oft als Glückssymbol.

Weiter ging meine Reise mit dem Bus nach Agra, wo der weltberühmte Taj Mahal steht. Oh man: manche Auto- Motorrad- Rikscha oder Fahrradfahrer sind hier ganz schön krass unterwegs. Es wird gehupt und gedrängelt, irgendeiner wird schon nachgeben. Am Bahnhof in Agra angekommen besteige ich diesmal eine Motorrikscha, der Fahrer bietet mir gleich einen Rundumservice für die nächsten Tage an. Das war wirklich eine gute Entscheidung - er brachte mich zu einer ganz netten Pension, ich checkte dort ein, und weiter ging's natürlich zum Taj Mahal.

Höchst beeindruckend der Taj Mahal

Der Taj Mahal ist ja ein Mausoleum, welches der Großmogul Shah Jahan zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal erbauen lies. Da stockte mir schon der Atem als ich das riesige Eingangsbauwerk betrat und einen ersten Blick auf dieses wunderschöne Gebäude bekam. 1985 gab es noch kein Internet, so war ich ehrlich gesagt in keinster Weise über dieses, zu einem der "neuen sieben Weltwunder" zählenden Gebäude aus weißem Marmor informiert. Intarsien aus 28 verschiedenen Arten von Edelsteinen und Halbedelsteinen wurden in den weißen Marmor eingesetzt.

Stundenlang halte ich mich innerhalb und außerhalb dieser höchst beeindruckenden Palast-Anlage auf. Nicht nur die Bauwerke und die darinnen liegenden Schätze faszinieren mich, auch die Besucher und Besucherinnen in ihren farbenfrohen Saris bescheren mir einen ganz besonderen Tag in Indien.

Schlagenbeschwörer - Music-Store - Marmorwerkstatt

 

Heute führt mich mein Rikscha-Fahrer zu verschiedenen, handwerklichen Kleinbetrieben. Die Kunst der Halbedelstein-Intarsien in weißem indischen Marmor wird noch heute in traditioneller Weise betrieben und vermarktet. Genau auf die selbe Art wie vor über 350 Jahren werden heute von Hand teilweise nur millimeterbreite, winzige Plättchen aus verschiedenen Halbedelsteinen geschliffen, die in die ebenfalls von Hand ausgefrästen Marmorplatten eingearbeitet werden. Eines dieser wunderschönen Exemplare habe ich erworben, es gehört noch heute zu den wichtigsten Stücken meiner Souvenir Sammlung.

Der nächste Stop ist an einem Geschäft, indem hunderte von Seidenmalereien zu bestaunen sind. Auch hier habe ich einige größere und kleinere Bilder gekauft, für mich und als Mitbringsel für meine Eltern. Meist sind Scenen aus dem Leben Buddhas nachgestellt.

Dann sehen wir doch glatt zwei Schlangenbeschwörer am Straßenrand. Das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Ich hatte damals selber Schlangen in einem Terarium gehalten, war echt begeistert von diesen Schuppentieren. Die beiden älteren Herren hatten Pythons und Kobras dabei, führten mir inbrünstigst ihr komplettes Programm vor. Das ist Indien!!!!

Zu guter letzt halten wir noch an einem Musik-Store, an dem ich schon vorher vorbei gekommen bin und die ausgestellten Sitars und Tablas bestaunt habe. Der Betreiber des Geschäfts und einige anwesende Musikerkollegen lassen es sich nicht nehmen mir eine spontane Session darzubieten. WOW, die hatten es aber drauf - Ravi Shankar lässt grüßen!!! Ich kann mich nicht mehr genau erinnern ob es wohlüberlegt oder spontan war, auf jeden Fall steht heute eine Sitar aus diesem Geschäft bei mir in der Wohnung. Zumindest kann ich mich an meine Fahrt in der Rikscha erinnern, wo ich mit Koffer und riesigem Sitar-Case bepackt bestimmt bestens in das Indische Straßenbild gepasst habe...

Heilige Kuh inmitten einer Hauptverkehrsstrasse - Krasser Gegensatz nur wenige Meter voneinander entfernt - Imposante Kulisse im Zoo von Dehli - Indischer Tanz

 

Zurück geht's nach Delhi. Was für eine riesige, pulsierende Metropole mit krassesten Gegensätzen. First Class Hotels vom allerfeinsten, Pizza King Restaurants á la McDonalds, direkt um die Ecke dann Hütten aus Blech und Pappe umgeben von fantasievollsten Marktständen.

Auf der Suche nach dem "weißen Tiger von Eschnapur" gehe ich den Zoo von Delhi, welcher mir sofort eine wahnsinnig imposante Kulisse bietet. Hammer!!! Abends steht eine Musik- und Tanzvorstellung auf dem Programm, der Aufenthalt in Indien geht langsam zu Ende. Es gibt dann noch Probleme mit meinem Weiterflug nach Dhahran in Saudi Arabien, ich muss unvorhergesehener Weise über Bombay zurück fliegen.

Slums direkt an der Startbahn vom Bombay Airport

 

Zum Schluss auch ein paar Sätze von dem Elend und Leid mitdem ich immer wieder während meiner Reise konfrontiert war. Ich habe Menschen auf der Strasse sterben gesehen, Bettler streckten mir ihre durch Lepra gezeichneten Hände entgegen, behinderte Menschen versuchten mit primitivsten Hilfsmitteln zu überleben. Was war das für mich oft schwer das alles hilflos zu ertragen.

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