Vacation 03/2002 - Mit RAGE zum Videodreh von Down in Minsk / Belarus
Im Büro von Director Yankovsky

Meine erste große Reise zusammen mit RAGE. Als "Dankeschön" für meine Arbeit als ihr Webmaster hat mir mein Freund Victor Smolski angeboten, mit den drei Musikern von RAGE zusammen in seine Heimatstadt Minsk zu fliegen, um dort die Videoproduction von ihrem Song "Down" aus dem gerade eingespielten Album "Unity" mitzuerleben und fotografisch zu dokumentieren. Was für ein besonderes Geschenk - WOW - ich war voll begeistert.

Lustig war's schon, als wir die entsprechenden Visa bei der Weißrussischen Botschaft in Bonn beantragt haben. Mike Terrana, der damalige Drummer der Band, hatte schusseliger Weise verpennt, sich ein für das Visa notwendige Passfoto zu besorgen. Tja, da standen wir nun vor der Botschaft und hatten ein Problem. Zum Glück hatte ich etliche Konzert-Fotos der letzten Europatour zu Durchsicht mitgebracht. Wir mussten also improvisieren: Nagelschere raus, Mike Terrana hinter dem Schlagzeug weggeschnitten, schon war ein Passfoto da...hahaha

Zwei Wochen später ging die Reise dann los. In Minsk holte uns ein Mitarbeiter von den Irreal Studios, die von Victors Kumpel Yankovsky geleitet wurden, am Flughafen ab. Wir waren alle gespannt auf den Drehort - ein Konzept für den Videoclip war ja schon im Vorfeld erstellt worden. Riesig groß war die Halle in der der Dreh stattfinden sollte, überall Büro-, Technik- und Maskenbildner-Räume, man konnte sich glatt verlaufen.

Nach einem ersten Rundgang und einer Besprechung über den Ablauf der Produktion machten wir uns auf den Weg zu unser Unterkunft. Victor hatte für Peavy, Mike und mich eine kleine Wohnung angemietet, er selbst quartierte sich natürlich bei seinen Eltern ein. Auf der Fahrt zeigte Mike Terrana ein weiteres Mal wie schusselig er drauf war. Er hatte ja erst vor Kurzem seine Heimat USA verlassen um in Europa sein Glück als Musiker zu suchen. All sein Hab und Gut hatte er in einem Container in den Staaten gelassen und ist nur mit wenigen Sachen nach Deutschland gekommen. Dazu gehörte auch sein Geld. Hatte er doch glatt etliche tausend Doller in der Hosentasche. Victor, der sich für einen reibungslosen Ablauf unserer Reise verantwortlich fühlte, drehte fast ab: "Was glaubst wohl was passiert wäre wenn die Zöllner mitbekommen hätten, dass du tausende Dollar undeklariert mit ins Land gebracht hast" fragte ihn Victor. "Auf der Rückreise müssen wir die Knete zumindest unter uns Vieren aufteilen".

Das Konservatorium, der Palast der Republik und zu Hause 
        bei Victors Eltern

Nachdem wir unsere Sachen in unseren Zimmern verstaut hatten lernten wir Victors älteren Bruder Dimitry kennen. Er sollte sich die nächsten Tage um uns kümmern wenn Victor und Director Yankovsky mit dem Sichten und Schneiden der aufgenommenen Videoszenen beschäftigt wären. Ein ganz lieber, netter Mensch - wir werden noch viel Spaß miteinander haben - vor allem werden wir viel zusammen essen gehen!!!

Victor hat erst mal einen Termin bei einem Friseur, er will ja gut aussehen auf dem ersten RAGE Videoclip. Wir bummeln ein wenig durch die City und besuchen dann das Konservatorium, indem Victor seine musikalische Ausbildung absolviert hatte. Echt beeindruckend dieser Ort. Victor begrüßt Freunde und Musikerkollegen, führt uns durch die Studienräume und den großen Konzertsaal, erzählt uns immer wieder lustige Anektoden aus der Zeit seines Wirkens hier. Der Mann an den Kesselpauken ist ganz angetan vom Amerikanischen "Drummer-Kollegen" Mike Terrana mit dem Irokesen-Haarschnitt.

Abends sind wir bei Victors Eltern eingeladen. Mal hier zu sein wo Victor aufgewachsen ist, seinen Vater Professor Dmitry Smolski, führender Komponist der modernen Musikgeschichte der gesamten ehemaligen Sowjetunion kennen zu lernen, die überaus herzliche Gastfreundlichkeit seiner Mutter zu erfahren, das war schon für mich ein erster emotionaler Höhepunkt dieser Reise. Was für ein besonderer Abend mit feinsten, weißrussischen Speisen á la Mama Smolski und unendlich vielen Geschichten, mal erzählt von Victor, seinem Bruder, den Eltern oder auch von Peavy und Mike...

In der Maske und am Drehset

Jetzt kommen wir zu dem eigentlichen Zweck unseres Aufenthaltes in Minsk, dem Videodreh zum RAGE Song "Down". Wie richtige Filmstars geht's erst mal in die Maske, wo neben einigen Models Victor, Peavy und Mike recht zeitaufwendig gestylt werden. Begonnen wird ja mit der Band, wie sie "Down" auf einer Bühne vor dem anwesenden Publikum, hier die Statisten, live präsentieren. Der komplette Song oder Teile davon werden immer wieder neu gespielt und aus unterschiedlichsten Kamera-Positionen gefilmt.

Director Yankovsky, ein erfahrener, mit etlichen Auszeichnungen dekorierter Regiseur, hat vor Jahren schon den vielbeachteten Video zum Mind Odyssey Song "Schizophenia" von Victors damaliger Band produziert. Jetzt sitzt er in seinem Regiestuhl, beobachtet jede Szene akribisch und gibt immer wieder die verschiedensten Anweisungen, mal an die Bandmitglieder, mal an die Studio-Techniker, mal an die Statisten, die vor der Bühne und auch hoch oben über der Bühne abrocken. Lustig zu beobachten, wie manche Models mit langen Kleidern und Stöckelschuhen teils ängstlich die Leiter hoch und runter krakselten.

Ein ganzer Tag wurde für diesen Teil der Produktion gebraucht. Als Director Yankovsky mit den Resultaten zufrieden war wurde noch eine Szene gefilmt, wie die drei Musiker mit einer riesig langen, schwarzen Strech-Limousine durch ein großes Tor in die Halle hineinfuhren. Interessant, wie durch Licht und Nebel eine ganz besondere Stimmung erzeugt wurde.

Ich bin während der ganzen Zeit überall rumgelaufen und hab fotografiert. WOW, hat das Spaß gemacht!!!

Spannende Filmkulisse

Gegen Abend kam dann Victors Bruder Dimitry und hat Peavy, Mike und mich abgeholt. Victor hat seinem Freund Director Yankovsky abends immer über die Schulter geschaut und zusammen mit ihm und den Regie-Assistenten die Aufnahmen vom Tage gesichtet. Als nach 5 Tagen alles im Kasten war hat Victor auch beim Schneiden dder Filmaufnahmen und beim Synchronisieren der Tonspur beratend zur Seite gestanden.

Derweil hat uns Dimitry in alle erdenklichen Spezialitäten-Restaurants in Minsk und Umgebung ausgeführt. Noch nie in meinem Leben habe ich über Tage sooo viel und oft Auswärts gegessen. Bei der Auswahl der Speisen hat uns Dimitry die meist in kyrillischer Schrift verfassten Speisekarten und die darin aufgeführten landestypischen Gerichte beschrieben. Peavy, der aus den Zeiten in denen RAGE als Superstars der Metal-Szene allerorts hofiert wurden, gerne Alles haben und mitnehmen wollte, nickte bei nicht nur einer, von Dimitry beschriebenen Speise. So hatten wir des Öfteren den Tisch voll mit allen erdenklichen, weißrussischen Spezialitäten, angefangen von Vorspeisen, über Hauptgerichte bis hin zu Nachspeisen. Was waren das teilweise für "Fressorgien". Äußerst lecker immer, einfach genial - aber manchmal schon zu viel des Guten.

Das machte sich auch bei dem vorhandenen Budget bemerkbar. Dimitry musste Victor schon nach ein paar Tagen um einen Nachschlag bitten.

Ausgebüxter Rabe, Engel Peavy und RAGE zusammen mit den Models

 

Nachdem die Szenen mit der Band abgeschlossen waren ging es weiter mit den Aufnahmen zu der eigentlichen Story des Videos. Eine Art Kampfarena hinter Gittern war aufgebaut, in der Menschen zur Belustigung von zahlendem Publikum um Leben und Tod kämpfen mussten. Was für ein Spektakel: böse, starke Frauen wie z.B. die Weltmeisterin im Sumo-Ringen traten gegen Kämpfer und Kämpferinnen an, die in die Kampfarena hinein getrieben wurden und natürlich chancenlos waren. Runde für Runde, angeheizt von einem Animator, wurde gefightet was das Zeug hielt.

Ein Liebespaar, welches zu den Opfern gehörte, hatte den Tod vor Augen - diese Traum-Szenen wurden vor einer Green-Screen Leinwand gedreht. Selbst ein schwarzer Rabe sollte durch das Bild dieser Filmkulisse fliegen. Der hatte aber Bock auf alles Mögliche, nur nicht sich immer wieder seine Flugroute vorschreiben zu lassen. Irgendwann reichte es ihm und weg war er. Eine aufheiternde Aktion seinen Falkner zu beobachten, wie er versuchte den Vogel einzufangen. Bis in die Büroräume ging die Jagt nach dem Raben...

Zeit für mich Fotos zu schießen, ich glaub ich hab an die 15 Filme a 36 Bilder geschossen.

Unterwegs mit Dimitry

 

Wenn Victor, Director Yankovsky und die Techniker im Schneideraum beschäftigt waren, hat uns Dimitry zu den Sehenswürdigkeiten von Minsk geführt. Da ging's in den Gorky Park, zum Palast der Republik, zum Opern- und Theaterhaus, zum National Museum wo Kriegsgeräte aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen waren, Künstler zeigten Bilder und Kunsthandwerk auf einem Künstler-Markt. Lustig wars an einem kleinen Museum, wo sich die damaligen Größen der Kommunistischen Bewegung wie Engels, Lenin und Karl Marx getroffen hatten. Die Babuschka wollte uns erst nicht hinein lassen, weil das Haus renoviert werden sollte. Als sie aber von Dimitry erfuhr das Mike aus Amerika und Peavy und ich aus Deutschland kommen war sie ganz begeistert und führte uns überglücklich durch die Räume.

Zum Abschluss unserer Reise haben wir uns nochmals mit Victors Eltern getroffen und sind natürlich lecker essen gegangen. Was für eine besondere, erlebnisreiche Zeit habe ich dank Victor hier in Minsk erleben dürfen!!!!

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