Stories 1978 - Berlin - S.O.U.N.D. - Ostberlin - Neuköln - Transitstrecke - Mauerfall

Grenzübergang Marieneborn - Transitvisa im Reisepass - Aufkleber - Mitgliedsbuch DKP

Ein Sprung zurück nach 1977 als ich zum ersten Mal von Zuhause ausgezogen bin. Zusammen mit meinem Kumpel Wolfgang Elbracht und seiner Freundin hatten wir ein kleines Haus am Stadtrand von Oelde gemietet. War die Zeit, als ich mindestens 3 mal in der Woche in Discos wie dem "Holga" und "California" in Warendorf, dem "Painthouse" in Kamen oder dem "Hidepark" in Osnabrück gefahren bin und mindestens 1 mal im Monat ne fette Party stieg. Wir waren alle ganz heiß auf die Musik der damaligen Zeit und ich war des Öfteren im Plattenladen, um mir die Neuerscheinungen von Genesis, Yes, Supertramp, Eloy u.s.w. zuzulegen. Mein damaliger Mitbewohner hatte guten Kontakt zu Anton Schalkamp (heute Geschäftsführer der BOSE GmbH), bei dem ich mir zu guten Konditionen eine fette Stereoanlage zugelegt hatte: 2 Bose-Endstufen, 1 Bose-Vorverstärker, 4 Bose-901 Lautsprecher, 1 Revox A700 Tonbandgerät und einen Schallplattenspieler!!!...hahaha

Wolfgang und seine Ex-Frau hatten in Ost-Berlin Verwandte, so bin ich irgendwann mal zum ersten Mal mit nach Berlin gefahren. War schon krass die Situation des geteilten Deutschlands mitzuerleben. Um nach West-Berlin zu gelangen mussten wir die sogenannte Transitstrecke benutzen. Das beinhaltete einen Stopp in Helmstedt-Marienborn, Reisepass Kontrolle, Transitvisa, mit 100 km/Std. über die Transitstrecke, Stopp in Berlin-Dreilinden mit Einreise nach Berlin West. Je nach Zeitpunkt musste man mit Wartezeiten von jeweils 1-2 Stunden an den Kontrollstellen rechnen, Ostern, Pfingsten oder Weihnachten waren schnell mal 3-4 Stunden möglich. Zudem grassierten unter den zahlreichen Bildzeitung-Lesern am Arbeitsplatz immer wieder Geschichten von den "bösen Vopos", die bei kleinsten Vergehen der ungeliebten, imperialistischen Westdeutschen drakonische Strafen verhängen würden.

War die Zeit des Kalten Krieges und internationaler, terroristischer Vereinigung wie z.B. die linksextremistische Rote Armee Fraktion (RAF). Seit 1973 war ich ja Mitglied der DKP (Deutsche Kommunistische Partei), ich habe den Kriegsdienst verweigert, mein Auto war gespickt mit entsprechenden Aufklebern wie "Fuck the Army". Entgegen den Horrorgeschichten über die "bösen Vopos" hatte ich es bei meinen zahlreichen Fahrten nach Berlin als langhaariger Hippie mit DKP Kalender in der Brusttasche und der Partei-Eigenen-Zeitung UZ auf der Heckablage eher mit den West-Deutschen Grenzern zu tun. Generell wurde ich aus der Fahrzeugkolonne heraus gewunken und gefilzt. Mit den Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten vom Bundes Grenzschutz war wirklich nicht zu spaßen. Meine Einstellung und Gedanken aus der damaligen Zeit will ich hier in aller Öffentlichkeit lieber nicht kund tun...

Joe kommt vom Klo aufm Bahnhof Zoo - Eintrittskarte S.O.U.N.D - "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

Bin ja immer in Berlin angekommen!!! Die ersten Jahre stieg ich während meiner Berlin-Besuche immer in der Nähe des Kudamms in Privat-Pensionen ab. War zum Einen ganz erschwinglich, zum Anderen hatten diese Wohnungen / Zimmer diesen ganz typischen Charakter, der für mich als Junge vom Dorf anfangs total fremd war. Diese Berliner Altbauviertel mit ihrer dichten Hinterhofbebauung, in denen häufig kleinere Gewerbebetriebe, Gastwirtschaften bis hin zu Filmtheatern ansässig waren, machten schon einen ersten Reiz meiner meistens 3-4 tägigen Berlinfahrten aus. Diese riesigen Treppenhäuser, rasselnde, schnarrende Türklingeln, Wohnungen mit dicken Teppichen und knarrenden Holzfußböden, kleinen Leuchten in den Steckdosen, lärmende Wasserklosetts mit ihren Spülkästen hoch unter stuck-verzierter Decke, statt Brötchen gab's Schrippen mit Marmelade zum Frühstück. WOW, das hatte was...

Die ersten Male als ich in Berlin war gab es für mich ja unendlich viel zu entdecken. Wie spannend war's Tagsüber oder Nachts über den Kudamm zu schlendern, an der Gedächniskirche, der Disco Big Eden oder dem Kuhdamm-Eck das bunte Treiben mit den vielfältigsten, verrücktesten Typen zu beobachten. Noch krasser war's teilweise an den U- und S-Bahn Stationen. 1978 war ja auch die Zeit, als die Illustrierte "stern" unter dem Titel "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" über die Drogen-Karriere der 16-jährigen Christiane F. berichtete. Diese Drogen-Szene war nicht nur am Bahnhof Zoo anzutreffen sondern überall sichtbar.

Natürlich auch im S.O.U.N.D. Was für eine Disko!!!! Das S.O.U.N.D. war in den 1970er und 1980er Jahren wohl die modernste Diskothek Europas, es gab um 1975 bereits eine Laserprojektion, Nebelmaschinen, Videoaufzeichnungsgeräte, der Stempel, den man am Einlass bekam, war nur unter Schwarzlicht sichtbar. Überall hingen Bildschirme, auf denen man die Cover der Songs sehen konnte, die gerade gespielt wurden. Das war ein Service!!! Im California in Warendorf musste ich immer die Treppe hochlaufen um den Discjockey nach Songtiteln und Interpreten zu fragen die mir besonders gut gefielen. Auch die Tanzfläche im S.O.U.N.D. war was besonderes: der glitzernde Bodenbelag war nach Einsatz der Nebelmaschine leicht rutschig, was meinem damaligen Tanzstil sehr entgegen kam.

Ach ja, sich Tanzstile anderer Disko-Besucher anzuschauen war damals äußerst interessant. Manche, meistens Frauen, hatten einen ganz eigenen Stil entwickelt, machte echt Spaß ihnen zuzuschauen. Highlight war eine zierliche Frau, die eher selten im California in Warendorf auftauchte und anscheinend jedes Mal wenn sie dort war unter LSD Drogen-Einfluss stand. Im Zeitlupentempo verfolgte sie mit ihren Augen ihre Hände, wie sie diese in leicht kreisenden Bewegungen, einer asiatischen Tempeltänzerin gleich, abwechselnd hoch in die Lüfte streckte. Auf unseren Parties hat Martin Brockschnieder diesen Tanzstil zur Belustigung der Partygäste oft perfekt imitiert. Was für ein Gaudi.....

Grenzübergang, Ampelmännchen, Palast der Republik mit Trabbies, U-Bahn-Plan

Die ersten Jahre bin ich jedes Mal auch in den Ostteil der Stadt gefahren. War schon krass das miterlebt zu haben - alles war irgendwie anders als im Westen. Schon auf Grund unserer Kleidung wurden wir als Wessies erkannt und mehr als nur einmal von DDR Bürgern angesprochen, ob wir nicht Geld tauschen wollen. Ich hab mich nie daran beteiligt, zudem wurde erzählt, dass auch Stasiemitarbeiter Westdeutsche ansprechen würden, und wenn sie bereit gewesen wären Geld zu tauschen hätte die Falle zugeschnappt. Auch riechen konnte man, dass wir im Ostteil der Stadt unterwegs waren. Ich weiß nicht mit was für Sprit, Diesel oder Heizöl die Trabbies, Wolgars und unendlich vielen Miltärfahrzeuge dort unterwegs waren, es roch auf jeden Fall eigenartig.

Das Stadtbild war geprägt von uniformierten Staatsangestellten, Volkspolizisten und Militärangehörigen. In Restaurants musste man im Eingangsbereich stehen bleiben und warten, bis uns ein Ober einen Tisch zugewiesen hatte - wehe man suchte sich wie gewohnt selbst ein nettes Plätzchen, dann gab's aber nen Anschiss und zudem oft als Letzter was zu essen. Das Essen, speziell die Suppen wie Soljanka und Bortsch habe ich immer genossen. Noch heute bin ich überglücklich wenn ich irgendwo mal ne Soljanka auf einer Speisekarte entdecke.

Über den Alex und durch den Palast der Republik zu schlendern, sich das Brandenburger Tor von der anderen Seite anzuschauen, unter den Linden die zahlreichen historischen Bauwerke wie den imposanten Berliner Dom und die Museumsinsel zu bestaunen, auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde die Gedenkstätte der Sozialisten, wo Revolutionäre wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beigesetzt sind, zu besuchen, mit ner Straßenbahn einfach 1-2 Stunden umherzufahren oder gar raus bis zum Müggelsee oder Köpenik zu fahren war schon äußerst interessant.

Eher amüsieren konnte ich mich über die Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) mit ihrem Paradegewehr und aufgepflanztem Bajonett, die wie versteinert rechts und links des Eingangs zur Neuen Wache standen und stündlich abgelöst wurden. Zu bestimmten Zeiten konnte man eine ganze Ehrenkompanie in Paradeuniform beobachten, wie sie im Stechschritt zur Wachablösung marschierte. Dieses militärische Ritual, ursprünglich das des alten Preußens, entwickelte sich in der DDR zur Attraktion für Berlin-Touristen.

Heute erinnert das Mahnmal an die Opfer des Faschismus und des Militarismus...

Hermannplatz und Hasenheide in Neuköln

 

Später ist dann mein damaliger Kumpel Detlef Hahn nach Berlin gezogen. Er wohnte am Herrmannplatz in Neuköln in einer geräumigen Altbauwohnung, ich hatte dort immer ein Zimmer frei wenn ich in Berlin zu Besuch war. Das war ne tolle Zeit!!! Meistens sind wir gegen 11:00-12:00 Uhr in der Nähe der Hasenheide in eines dieser vielen gemütlichen Cafés zum Frühstücken gegangen. Ich glaube dort hab ich zum ersten Male diese großen Tassen mit Milchkaffee kennengelernt und meistens einige davon bei einem super tollen, reichhaltigem Frühstücksbuffet zu erschwinglichen Preisen getrunken. Wir hatten uns immer viel zu erzählen, haben oft nach dem Frühstück noch ne Runde durch die Hasenheide gedreht.

Wie interessant wars für mich dieses pulsierende Leben hier wie auch an anderen Orten dieser Großstadt mitzuerleben. Da spielte jemand mit seinem Hund Frisby-Scheibe fangen, ein Anderer übte irgendwelche Kung-Fu Techniken, Türkische Familien grillten lecker duftende Speisen, immer wieder waren Musiker mit Gitarre oder Bongos anzutreffen, Andere spielten Schach, relaxten, lasen Bücher, sonnten sich, alte Omas fütterten zutrauliche Eichhörnchen, Jogger, Sportler, ich weiß nicht was sonst noch. Irgendwie war hier immer eine beruhigende und friedliche Atmosphäre zu spüren.

Abends oder nachts bekam das Großstadtleben einen anderen Charakter. Auch wir waren dann unterwegs: erst ging's in eines der vielen Pizzarias, Dönerbuden oder indischen Restaurants essen und dann ab in die angesagten Clubs. WOW, das war was!!! Was hier für Leute aus der West-Berliner Subkultur anzutreffen waren war schon der Wahnsinn. Punks, Trasher, New-Waver, Alternative, Industrial- und Elektronikfans, Politanarchos, Lesben, Schwule und Do-it-yourself-Künstler waren hier anzutreffen - Kreuzberg war ja nicht weit entfernt.

Komisch, die Mehrzahl meiner Freunde in Beckum waren noch nie in Berlin gewesen, kannten weder die Transitstrecke, die Berliner Mauer, West- oder Ostberlin, diese Weltmetropole, in der es alles gab was man sich nur vorstellen konnte. Vor einer Fahrt nach Berlin kaufte ich mir immer den 14-tägig erscheinenden Berliner Tip. In diesem Stadtmagazin erkannte man schnell was in Berlin alles möglich war. Wollte man z.B. irgend einen besonderen Film sehen, so fand man ganz bestimmt irgend ein Kino, indem dieser Streifen gezeigt wurde. Nicht selten spielten interessante Bands in einem der angesagten Clubs - habe hier u.a. Third World, Herman Brood, Tangerine Dream oder Andreas Vollenweider (den sogar im Palast der Republik!!!!!) gesehen.

Echt schön das jetzt alles aufzuschreiben und gedanklich nochmal zu erleben. Wirklich interessant und erstaunlich wie gut und oft bis tief ins kleinste Detail hinein ich mich an unendlich viele erlebte Situationen zurück erinnern kann. Das ich nicht noch weiß was ich gegessen oder getrunken habe ist alles... Im Palast der Republik haben wir immer Gin-Fizz getrunken...hahaha

Wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer

Den Fall der Mauer hab ich recht zeitnahe miterlebt. Ich war ein paar Tage nach der Grenzöffnung in Berlin und konnte selbst durch eine der ersten Stellen gehen, wo einzelne Segmente der Berliner Mauer entfernt waren. War schon ein irres Gefühl an den völlig verunsicherten Grenzbeamten ohne Kontrolle und Tagesvisa vorbei zu gehen. Gelegentlich musste man den Pass vorzeigen, mehr aber nicht. Und überall waren Leute mit Hammer und Meißel bewaffnet unterwegs, um sich ein Stück die Mauer herauszuschlagen. Es gab auber auch die Möglichkeit bei Händlern einige Stücke käuflich zu erwerben, was ich auch getan habe. Etliche Arbeitskollegen und Freunde hab ich Mauerstücke weiter gegeben. Hab noch heute einige Stücke in der Schublade liegen.

Witzig war's, als Helmut Kohl plötzlich wenige Meter neben mir auftauchte, um sich dieses ganz besondere Ereignis anzuschauen. Zu Hunderttausenden strömten die Deutschen aus dem Osten in den Westen, aus aller Welt waren Menschen hier an der Mauer um daran teil zu haben. Ein Frau rannte mit einer Rose in der Hand hinter Helmut Kohl hinterher und übergab ihm die Rose. In seiner komischen Art und seinem speziellen Dialekt sagte er, "daß ist aber nett von Ihnen". Ich hätte mich fast abgelegt, war ja damals ein großer Fan der Politsatire-Sendereihe "Hurra Deutschland", in der Gummipuppen-Karikaturen von Politikern und Stars in kurzen Sketchen aktuelle Ereignisse kommentierten. Helmut Kohl war der schusseligste von Allen....hahaha

Hurra Deutschland

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